Projekt „four in eight“ – Teil Drei – Mont Blanc

Nachtrag vom 14.08.-15.08.2019

Nervosität

Dies beschrieb meinen Gemütszustand perfekt. Der Mont Blanc ist laut Unfallstatistik der tödlichste Berg der Welt. Mit seinen 4810 m überragt er alle anderen Gipfel der Alpen und genau dieser sollte mein vierter Seven Summits of the Alps werden. Wir entschieden uns noch dazu die Traverse, ausgehend von dem Refuge des Cosmiques zu machen, was bis dato meine größte alpinistische Herausforderung war.

Zustieg zum Refuge des Cosmiques

Nach einer erholsamen Nacht in Pont packten Matthias, Jan, Christian und ich die Zelte und Rucksäcke zusammen. Wir wollten uns später in Chamonix treffen und gemeinsam mit der Bahn Télépherique de l’Aiguille du Midi hochfahren. Christian und ich nutzten in Chamonix die Zeit, um in der Maison de la Montagne vorbeizuschauen und uns über die aktuellen Bedingungen auf der Traverse zu erkundigen. Dies erwies sich am nächsten Tag als Schlüssel unseres Erfolgs. Mit dem gut gemeinten Rat einen zweiten Eispickel mitzunehmen suchten wir noch ein Fachgeschäft auf, anschließend ging es direkt zur Seilbahn.

Die Fahrt ins Ungewisse.

Überraschende Begegnung

Mit jedem Meter, den die Seilbahn an Höhe gewann, stieg meine Aufregung. Obwohl laut Wetterbericht für den folgenden Tag perfekte Bedingungen herrschen sollten, ließ die aktuelle Lage leichte Zweifel aufkommen. Die Wolken wurden immer dichter, aber die Sicht war noch in Ordnung. Der Weg zum Refuge des Cosmiques ist von der Bergstation innerhalb von kurzer Zeit erreichbar. Der Schritt ins alpine Gelände ist deutlich gekennzeichnet und nur Bergsteigern mit Erfahrung vorbehalten. Man steigt hierfür ca. 200 hm über einen schneidigen Schneegrat ab, umso überraschter war ich als uns eine Gruppe, bestehend aus Vater, Mutter und Kind entgegenkam. Das Kind schätzte ich auf 10-12 Jahren. „Was zur Hölle“ schieß mir nur durch den Kopf.

Das Tor aus der Bergstation der Télépherique de l’Aiguille du Midi.

Kurze Zeit später erreichten wir unseren Schlafplatz und viel mehr, als jede Menge Wasser trinken, Abendessen und schlafen war nicht möglich. Mit leichten Sorgen blickte ich aus dem Fenster, war die Sicht doch inzwischen stark eingeschränkt und es schneite.

Der Frühe Vogel

Um 1 Uhr morgens klingelte schon der Wecker. Geschlafen hatte ich nicht viel, denn die Anspannung von allen Bergsteigern im Zimmer war allgegenwärtig. Unser Plan war es, in Ruhe zu frühstücken und alle Teams mit Bergführer vorgehen zu lassen. Dies sollte uns die Routenfindung um einiges erleichtern. Ein Blick raus zeigte auch, dass es ca. 15 cm Neuschnee hatte, aber aktuell nicht mehr schneite. Um ca. 01:45 Uhr ging es dann auch für uns los.

Zunächst stiegen wir zum Col du Midi ab und durch die Nordwestflanke des Mont Blanc du Tacul auf dessen Schulter. Eine große Gletscherspalte musste mittels Aluleiter überwunden werden.

Von dort ging es wieder leicht hinab und über den Gletscherboden auf den Mont Maudit zu. Nun folgte der technisch schwierigste Teil der Traverse. Die Nordflanke des Mont Maudit, mit bis zu 50° Steilheit, gilt es zu erklettern. Mitreißunfälle oder Eisbrüche von den großen Séracs sind hier keine Seltenheit. Am besten durchsteigt man diese Passage so schnell und früh als möglich.

Mont Maudit

Vor uns zeichnete sich aber eine Situation ab, die ein schnelles Durchqueren nicht möglich machte. Die anderen Seilschaften schienen sich über den weiteren Routenverlauf nicht einig, alles geriet ins Stocken. Ein paar wählten den Weg weiter links in der Flanke, andere versuchten ihr Glück etwas weiter rechts. Christian hatte 2011 die Route schon erfolgreich gemeistert, deshalb war er sich sicher, dass der korrekte Routenverlauf sich rechts orientierte.

Da ein Weiterkommen trotzdem nicht möglich war, brachen schon erste Seilschaften die Besteigung ab. Ich befürchtete auch schon, dass dies das Ende für heute war. Christian war aber nach wie vor zuversichtlich und somit übernahm unsere Seilschaft die Führung. Schnell wurde ersichtlich, was das Problem der anderen Bergsteiger war. Aufgrund der herrschenden Bedingungen war es mit nur einem Eispickel zu riskant die erste Steilpassage zu überqueren.

Also doch selber alles machen

Nun hieß es also doch selbst spuren und die Route finden. Christian versuchte sich vor allem an alten Spuren zu orientieren, die sich noch leicht im Schnee abzeichnen zu schienen und alle anderen folgten uns. Kurz darauf saßen wir aber wieder fest. Links von uns eine große Spalte, und der Weg, auf dem wir uns befanden, wurde immer schmaler.

Nach kurzer Ratlosigkeit und Suche konnte Christian eine Schneebrücke im Schein seiner Stirnlampe finden, über die ein Weiterkommen möglich war. Die Schneebrücke, die vielleicht eine Breite von 0,5 m aufwies, konnten wir sicher überqueren. Nach vier Stunden in der Dunkelheit zeigte sich auch endlich die Sonne am Horizont. Im Licht der ersten Sonnenstrahlen erkletterten wir vier nun die Schlüsselstelle und überschritten die Schulter des Mont Maudit.

Ich beim Überschreiten der Schlüsselstelle.

Das Schwierigste war überstanden, jedoch zieht sich der Gipfelhang zum Mont Blanc mit über 500 hm noch in die Länge. Die Höhe war nun mehr als deutlich zu spüren, jeder Schritt schien eine Qual. „Warum tu ich mir das an“ schoss es mir das ein oder andere Mal durch den Kopf. Aber so kurz vor dem Ziel gab es natürlich kein Aufgeben, ich platzierte einfach einen Fuß vor den anderen. Schließlich war es soweit, der letzte Schritt auf das Dach der Alpen wurde gesetzt und der Ausblick entschädigte für alle Strapazen. Nach 8 Stunden fielen wir uns glücklich in die Arme und bewunderten das Bild, was sich vor uns zeichnete.

Gipfelglück. Von links nach rechts: Jan, Matthias, ich und Christian.

Nur noch zwei Kurven…

Anschließend galt es das nächste und viel wichtigere Ziel in Angriff zu nehmen, nämlich den sichere Abstieg vom Mont Blanc. Es galt noch 2500 hm hinab, über den Normalweg, zu überwinden und das berüchtigte Grand Couloir zu queren. Dies bereitete mir nach wie vor große Sorgen. Das Grand Couloir ist für seinen ständigen Steinschlag bekannt und es wird empfohlen die Querung vor Mittags durchzuführen. Wir wussten, dass wir es unmöglich vor 14 Uhr schaffen würden und somit stieg ich mit einem sehr mulmigen Gefühl ab.

Grand Couloir

Hat man die Goûter-Hütte nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht geht es weiter über einen Klettersteig. Von hier aus ist das Grand Couloir schon schon gut einsehbar, auch konnte man schon andere Bergsteiger beobachten. Bei manchen konnte ich nur Kopfschütteln, blieb doch der ein oder andere mitten drin stehen und guckte in aller Ruhe nach oben. Als wir vier dort ankamen, nahmen wir die Füße in die Hand und liefen so schnell wie es unsere müden Beine noch erlaubten und alle erreichten ohne Blessuren die andere Seite.

Ganze sieben Stunden nach dem Verlassen des Gipfels, trafen wir bei der Bergstation der Tramway du Mont Blanc ein. Glücklicherweise fanden wir in der nächsten Bahn noch einen Platz und konnten unser Unterfangen erfolgreich abschließen.

Mit Jan und Matthias haben Christian und ich wunderbare Bergsteigerkollegen gefunden. Ich möchte hier nochmals ein großes Dankeschön an die beiden richten, denn sie waren maßgeblich daran beteiligt, dass wir den Berg erfolgreich bestiegen haben.

Der Weg auf den Mont Blanc – Jan Regenfuss, Matthias, Christian Bendler und ich (Video von Christian Bendler)

Gepostet von Barbara Saxl am Freitag, 5. Oktober 2018
Film und Schnitt: Christian Bendler

© Barbara Saxl (Mai 2019)

Jan Regenfuss
Matthias Laumann
Christian Bendler

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