Elbrus – Einmal mit Schi bitte

18.05.-25.05.2019

Tag der Anreise

Da wir nur eine Woche für den Elbrus geplant hatten, wollten Tom, Christian und ich uns bestmöglich vorakklimatisieren. Dafür fuhren wir am Tag vor unserer Abreise mit der Rofan-Bahn zur Erfurter Hütte hoch und übernachteten dort. Unser Flug von München über Moskau nach Mineralny Vody hob jedoch am nächsten Morgen schon um 10 Uhr vormittags ab, dies bedeutete das gemütliche Bett schon um 4 Uhr morgens verlassen zu müssen.

Beim Check-in in München verlief noch alles bestens, aber am Zielflughafen kam dann die böse Überraschung. Das Gepäckstück mit unseren Schiern fehlte. Da wir den Elbrus mit Schi besteigen wollten, war es essenziel unsere Ausrüstung zu erhalten. Mit der zuständigen Dame vor Ort wurden mehr schlecht als recht in Englisch irgendwelche Formulare ausgefüllt. Unser Fahrer für den Transfer nach Cheget meinte nur kurz „No Problem“ und so blieb uns nichts anderes übrig, als vorerst ohne unsere Ski die restlichen 180 Kilometer ins Baksan-Tal zu fahren.

Christian und ich am Weg zum Hauptplatz von Cheget. Bauruinen findet man an jeder Ecke. Foto: Tom Reichart

Das gleiche Schicksal

Die erlösende Nachricht kam dann am nächsten Morgen. Uwe, ein Bergsteiger aus einer deutschen Reisegruppe, die mit dem nachfolgenden Flieger angereist sind, schrieb uns per SMS, dass das fehlende Gepäck angekommen ist (auch von ihnen sind die Pakete mit den Schie abhandengekommen). Anastasia von Pilgrimtours, unserer Agentur vor Ort, organisierte dann einen Transfer und so konnten wir sehr erleichtert die restliche Ausrüstung gegen mittags entgegennehmen.

Los gehts!

Direkt darauf gings mit der Seilbahn von der Lichtung Asau zur Station Mir auf 3450m. Da der Höhenunterschied von 2000m im Tal bis hier her doch sehr hoch ist, wollten wir unseren ersten Schlafplatz nicht bei den Fässern (Botschki) auf 3700m einrichten, sondern direkt bei der Station. Im „Cafe Full House“ versuchten wir dann auf Englisch dies zu organisieren. Mehr mit Hand und Fuß als mit gesprochenen Worten konnten wir uns mit dem Besitzer des Cafés einigen. Für 1200 Rubel pro Person bekamen wir den Schlüssel und 12 l Teewasser zu Verfügung gestellt.

Anschließend starteten wir sogleich bei bestem Wetter unsere erste Akklimatisierungstour und versuchten gleichzeitig das Lager für die nächste Nacht auszukundschaften. Hier mussten wir feststellen, dass sich die Lage vor Ort meist doch von diversen Berichten/Karten unterschied. Die Schlafplätze mehr als einen Tag vorab zu reservieren war nicht möglich. Auch befanden sich auf unterschiedlichen Höhen mehrere Containersiedlungen. Die Dieselhütte, die sich neben der abgebrannten Prijut Hut befinden sollte, war überhaupt nicht aufzufinden.

Der West und der Ostgipfel vom Elbrus. Unterhalb des Ostgipfels kann man gut die Aufstiegsspur erkennen.

Savtra

Auf 3888m, bei einer blauen Containeransammlung trafen wir dann auf Solene und Gulliem. Das in Innsbruck lebende Paar zeigte uns den Verantwortlichen für diesen Bereich. Auch wieder nur mit Handzeichen für schlafen und dem russischen Wort für Morgen (завтра – savtra) konnten wir „reservieren“. Wir stiegen nun noch bis auf 4000m auf und fuhren in der untergehenden Sonne wieder zurück in unser Lager. Dort angekommen, richteten wir dies fertig ein, aßen zu Abend und spielten vorm schlafen gehen noch etwas Karten.

Am nächsten Morgen hieß es dann packen und schleppen. Wir wollte den Lift nicht mehr nutzen und trugen unser gesamtes Hab und Gut auf 3888m hoch. Die Container, mit elektrischer Heizung ausgestattet, waren eine positive Überraschung an Komfort. Die nächste Akklimatisierungstour führte uns zuerst an unserem geplanten Lager 3 auf 4080m vorbei und dann weiter bis zu einer Höhe von 4300m. Der Aufstieg war dieses Mal sehr anstrengend für mich. Ich fand einfach keinen Rhythmus und war zum Leid von Christian und Tom leicht frustriert. Am Abend hatte ich auch noch mit starken Kopfschmerzen zu kämpfen und musste, um schlafen zu können, eine Kopfschmerztablette einnehmen.

Christian und Tom bei der Akklimatisierungstour auf ca. 4400m. Links dahinter kann man die alte Prijut Hut erkennen.

Der darauffolgende Tag startete wieder sehr entspannt. Die Kopfschmerzen waren verflogen und uns begrüßte perfektes Gipfelwetter. Leider war es noch zu früh den Gipfelsturm zu wagen und so blickte ich immer wieder sehnsüchtig hoch, im Wissen, dass uns unser Gipfeltag keine so perfekte Sicht schenken würde.

Die letzte Vorbereitung

Nach Ankunft im Lager 3 am Elbrus starteten wir unsere letzte Akklimatisierungstour. Dieses Mal konnte ich meinen perfekten Schrittrhythmus finden und gab das Tempo vor. Kurze Zeit später saßen wir drei auf ca. 4450m in der Sonne. Als wir zurück im Lager waren, packten wir unsere Rucksäcke für den morgigen Gipfelsturm. Da sich das Wetter am nächsten Tag spätestens gegen 6 Uhr morgens verschlechtern würde, wollten wir so früh wie möglich starten. Um halb sieben Uhr abends war dann Bettruhe angesagt. Natürlich konnte ich vor 21 Uhr kein Auge zu tun, war die Aufregung doch viel zu groß.

Frostiger Gipfelsturm

Um 1 Uhr morgens blies uns eisiger Wind um die Nase. Trotzdem war meine Zuversicht den Gipfel des Elbrus heute zu erreichen sehr groß. Überaus motiviert ging ich voran und spurte Meter um Meter in die Höhe. Als ersten Rastpunkt haben wir uns für den verschütteten Radrac, der sich auf 4800m befinden sollte, entschieden. In der Hoffnung dort ein windstilles Fleckchen zu erreichen, ging es zügig voran. Als wir laut meiner GPS Uhr 4850m erreicht haben, war das Pistengerät im Dunkeln nicht auszumachen. Erst bei etwa 4900m sah ich die Fahrerkabine, die gerade noch aus dem Schnee ragte. Viel mehr, als etwas trinken und die Daunenjacke anziehen war nicht drin. Der Wind war frostig und nur kurzes stehen bleiben führte zu einem sofortigen Kältegefühl.

Mit schon leicht kalten Zehen traversierten wir unterhalb des Ostgipfels. Dank der Harscheisen konnten Tom und ich die Schier anbehalten, Christian musste nun auf die Steigeisen wechseln.

Die Sonne lugt über den Ostgipfel hervor.

Kurz darauf machten sich jedoch bei mir erste Zweifel breit. Ich konnte inzwischen nur mehr 50 Schritte am Stück gehen, musste anschließend immer eine Pause machen und es waren noch ca. 500 hm zu bewältigen. „Das packst du schon“ sagte ich mir immer wieder und siehe da, gleich darauf konnte ich meinen Rhythmus wiederfinden und es ging langsam, aber stetig voran.

Auf einer Höhe von 5300m erreichten wir den Sattel zwischen Ost- und Westgipfel und errichteten dort unser Schidepot. Der Wind hatte inzwischen leicht nachgelassen und die Sonne lugte über den Ostgipfel. Dies war jedoch das letzte Mal, dass wir mehr als 10-20m Sicht hatten. Kurz nach dem Einstieg auf den Gipfelhang, befanden wir uns in einem White out. Dank der angebrachten Wegfähnchen fanden wir die Route aber trotzdem.

Sind wir schon da?

Angekommen bei den abgesicherten Stellen hatte ich aber meinen absoluten Tiefpunkt. Ich konnte kaum fünf Schritte gehen, ohne danach mehrere Sekunden nach Luft zu schnappen. „Wie soll ich das nur schaffen“ fragte ich mich ständig, denn der Abstieg war ja auch noch zu bewältigen. Ein Blick zu Tom zeigte mir, dass er in einer ähnlichen Lage steckte.

Aufgrund der eisigen Temperaturen hatte ich das Halstuch vor Nase und Mund. Als ich dies wieder abnahm, konnte ich sogleich besser atmen. „Ich kenne deinen Willen, das schaffst du“ sagte Christian noch zu mir, und so schleppten Tom und ich uns Schritt für Schritt weiter und witzelten über unseren „Zombie-Gang“.

Das Gelände wurde nun flacher, also konnte es nicht mehr weit sein. Irgendwann hörte ich aus dem Nebel heraus Christians Ruf „wir haben es geschafft, wir sind am Gipfel angekommen!“ Als ich zu den beiden Jungs aufgeschlossen hatte, blickte ich mich leicht verdattert um und tatsächlich, die Gipfelmarkierung stand direkt vor mir. Nach acht Stunden Aufstieg befanden wir uns wahrhaftig auf den höchsten Punkt Europas!

Am 22.Mai 2019 um 9 Uhr Ortszeit erreichten wir den Westgipfel vom Elbrus. Von links nach rechts: Tom, Christian und ich.

Leider konnten wir unseren Erfolg nicht lange genießen, die Aussicht war nicht vorhanden und der Wind nahm wieder deutlich zu. Nach kurzem Foto schießen starten wir sogleich den Abstieg. Zurück, bei den absicherten Stellen, kamen uns noch vier Elbrus-Aspiranten entgegen. Als wir wieder im Sattel waren, gönnten wir uns nochmals eine kurze Pause, tauschten die Steigeisen gegen die Schi und fuhren los.

Genussabfahrt schaut anderst aus

Die Abfahrt vom Ebrus war nicht wirklich ein Vergnügen. Man kann sich nämlich bis auf ca. 5000m mit einem Radrac oder Skidoo hochbringen lassen (Kosten ca. 600€ für bis zu 12 Personen), jedoch zerstört dies die Schneeoberfläche komplett. Eisige Schneeknollen und ausgeprägte Spuren verhindern jeglichen Abfahrtsgenuss. Trotz dieser Schwierigkeiten konnten wir das Lager 3 ohne Sturz schon vor 11 Uhr vormittags wieder erreichen.

Bevor wir uns alle ein kleines Nickerchen gönnten, kontrollierten wir uns auf etwaige Erfrierungen. Dies ist bei -27 Grad Windchill ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Leider trug Tom auf der Nase und ich am Daumen eine leichte Erfrierung davon, Christian hatte keinerlei Blessur aufzuweisen.

Regenerierung am Pferd

Nach unserer kurzen Rast fuhren wir komplett ab, freuten wir uns doch sehr auf die Annehmlichkeiten im Tal. Eine heiße Dusche und ein gutes Essen ist nach einer anstrengenden Tour die beste Medizin.

Die restlichen beiden Tage in Russland nutzten wir vor allem zur Regeneration. Trotz aller Strapazen fühlten wir uns am folgenden Tag schon wieder sehr gut. Am letzten Tag unternahmen wir noch eine Pferdetrekking Tour durchs Tal und konnten damit unserem Aufenthalt in Russland einen wunderbaren Abschluss bereiten.

Einer unserer Guides mit einem andern Kunden beim Überqueren des Gletscherflusses.

© Barbara Saxl (Juni 2019)

Thomas Reichart
Christian Bendler

4 Antworten auf „Elbrus – Einmal mit Schi bitte“

  1. Super Bericht, man kann es sich alles richtig gut vorstellen. Ich freue mich dass alles so gut geklappt hat und ihr gesund und munter wieder zurück gekommen seid

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